Kleine Zeitachse

Kleine Zeitachse

Biografischer Bericht

vor ca. 35 Jahren: Was ist mit mir los?
Warum möchte ich gerne Frauenkleidung tragen? Warum fühle ich mich darin so wohl?
—> es gab einfach NICHTS wo ich mich informieren konnte. Kein Internet, Zeitungen einfach nichts. Ich selber bin aus der Nähe von Bielefeld

vor 30 Jahren: ich ziehe nach Berlin

vor ca. 20 Jahren: Ich bekomme meine ersten Informationen. DWT , TV , TS, Fetische usw. usw. usw.

2002: Ich gehe zu regelmäßigen Treffen von transsexuellen Menschen und Hilfsgruppen und erfahre mehr und mehr und lerne mehr über mich und meine Gefühle.

Der Weg wird immer klarer und ich werde immer sicherer in dem, wie es um mich steht. Das Gefühl eine Frau zu sein ist mir nun bewusst geworden.

2006: Es ist so weit. Ich kann so einfach nicht mehr weitermachen. Der Entschluss ist gefasst. Ich werde zum Psychotherapeuten gehen. Viele Tage in der Woche in meiner Freizeit bin ich nur noch als Frau unterwegs.
Dennoch gibt es Dinge die ich so nicht machen kann. Auch in meiner Familie kann ich nicht mit diesem Thema rauskommen. Das dieser Umstand plus meine Gesundheit in den nächsten Jahren noch mehr Ungewissheit bringen wird, stellt sich leider erst später heraus.

März 2006 : Erster Termin beim meiner Ärztin.
April 2006: erste Gruppensitzung
Nach Rücksprache mit meiner Ärztin nehme ich daran nicht wieder teil, denn diese Probleme die dort aufgeworfen werden, habe ich einfach nicht.
Für mich ist das Leben in der normalen Welt. Was mich abhält ist schon hier mein Bartwuchs und meine empfindliche Haut.
Viele haben Angst sich in der Öffentlichkeit zu zeigen als Bsp. Diese Angst habe ich nicht. Natürlich gibt es zu dem Zeitpunkt damals noch viel zu lernen.

Sep. 2006: Ich bekomme meine Bestätigung. Ich bin transsexuell und kann mit der Hormontherapie beginnen
Okt 2006: Arzttermin und erste Medikamente

2007: Mein Vater bekommt Krebs
mein Bruder stirb mit 52 ( Alkohol )

2008
Der Weg war bisher zwiespältig. Da ich z.b. wenige Haare habe, wurde mit ein Attest ausgestellt betr. einer Perücke. Dieses wurde vom MDK abgelehnt, obwohl man mich nicht mal begutachtet hat.
Ich lege Wiederspruch ein – Abgelehnt. Das erste negative Erlebnis für mich und gleich recht einschneidend. ich muss also weiter mit dem eigenen Billig Perücken leben
Selbiges passierte nun bei dem Antrag zur Nadelepilation.

 

Frühjahr 2008: Meine Gesundheit verschlechtert sich. Ich habe ständig Nierensteine und meine Nieren sind dadurch sehr angegriffen
Ich setzte die Hormone für mich erst mal ab. Privat ist es ebenfalls sehr problematisch.
Meiner Mutter und meinen Vater kann ich es einfach nicht sagen.
Meine Mutter ist älteren Jahrgangs und wird es einfach nicht verstehen. Mein Vater ist ebenfalls jemand der sich so etwas gar nicht vorstellen kann.
Ich fühle mich nicht als Mann, aber als Frau in diesem Stadium kann ich so auch nicht weitermachen.
Auf Arbeit muss ich den Mann rauskehren und bin innerlich total zerrissen. Wenn das Thema allgemein mal auf schwul, lesbisch und Trans kommt wird überall nur gehetzt und alles als krank bezeichnet.

Anfang 2009: Ich breche alles ab. Ich weiß einfach nicht mehr weiter
April 2009: mein Vater stirbt an Krebs
Meine Mutter inzwischen 83 Jahre alt ist geistig fit, aber wird natürlich gebrechlicher. Ich muss ständig nach Westdeutschland. Dort immer als Mann. Es ist für mich eine Qual ihr nicht mein wirklich ich zu zeigen
Ich spüre dass ich es ihr sagen muss, aber bringe es einfach nicht über das Herz. Wie lange wird sie noch leben? Soll ich noch in ihrem Alter so viel Kummer aussetzten? Wenn etwas darüber im Fernsehen kommt, höre ich sie sagen: „alles kranke Manschen, widerlich“
Mein Herz schmerzt.

In Berlin blühe ich jedes Mal wieder auf wenn ich wieder zu Hause bin bei meiner Partnerin und hier wieder ganz normal ich sein kann.
Aber meine Probleme mit dem Aussehen häufen sich.
Ich kann einfach nicht mehr „den Mann „ darstellen.
Mein Bartwuchs bereitet mir große Sorgen. Mehr als max. drei Tage am Stück kann ich mich nicht rasieren, dann muss ich zwei – drei Tage Pause einlegen.
Die Haut ist immer sehr gereizt in der Regel. Schon nach dem zweiten Tag.
Das einzige Glück in dem Zusammenhang was ich habe ist, dass bei mir eine Rasur bei mir 10-12 Stunden durchhält.
Der Leidensdruck immer wieder in die männliche Rolle zurück zu müssen ist für mich eine Qual und belastet meine Seele

Haare: sind inzwischen kaum noch vorhanden.
Ich kann nur mit Perücke leben, aber das ist zu akzeptieren.

Ich finde halt bei de Transsisters die ich früher sehr unregelmäßig besucht habe. Dort lerne ich verschieden Sichtweisen und Lebensarten kennen und erkenne für mich dass ich nur auf meine eigene Art leben kann und die ist Frau sein.

Sobald ich von der Arbeit nach Hause komme muss ich mich sofort umziehen.
Im privaten Bereich halte ich es nicht mehr aus als Mann vor die Tür zu gehen

2011 – 2014 .

Ich lebe meine Leben als Frau so gut es mir möglich ist und es mir mein Bartwuchs ermöglicht. Der Umstand dieses immer nur Stundenweise (Arbeitsprobleme) oder am Wochenende komplett zu Leben ist eine nervliche Belastung für mich geworden.
Auch bereitet mir meine Gesundheit mehr und mehr Probleme. Bluthochdruck, Diabetes sind dazu gekommen zu meinen Nieren Problemen.
Meine Nierenleistung beträgt nur noch 50 % auf Grund vieler Verletzungen die mir die Nierensteine zufügen.

Okt 2014: Ich habe eine Sepsis und habe Glück, dass ich sie überlebe – Nieren

Die Zeit verstreicht und immer wieder stelle ich mich in Frage wie soll es weitergehen?
Immer noch habe ich das Gefühl, dass ich den Weg weitergehen muss. Meine Bindung zu meiner Mutter ist in den letzten Jahren sehr gewachsen seitdem ich nur noch allein für sie da bin. Meine Schwester lebt seit Jahren in Spanien und ist seit Jahren an MS erkrankt.

2015: Der Druck steigt immer mehr in mir drin. Ich beginne nun meine ersten Reisen als Frau.
Auch meinen ersten Flug bringe ich so hinter mich – eine positive Erfahrung die ich nicht mehr missen möchte.

Mein persönlicher Freundeskreis ist mehr und mehr geworden. So viele neue und tolle Menschen habe ich in den letzten Jahren kennengelernt.
Dennoch …auf Arbeit bleibe ich ungeoutet. Jeden Tag als Mann zur Arbeit zu gehen ist für mich ein sehr schwerer Gang geworden
Ich kann nicht zwei bis drei Tage als Martina arbeiten und den Rest der Woche als Mann
Das geht einfach nicht.

April 2016 . mein Mutter inzwischen 89 Jahre alt erkrankt schwer an bösartigen Brustkrebs
Es beginnt für mich eine Zeit wo ich nur noch hin und hergerissen bin.
Mai 2016: die eine Brust wird bei meiner Mutter entfernt
August 2016: Der Tumor scheint nicht gestreut zu haben bei ihr.

Okt 2016 Meine Mutter muss wieder ins Krankenhaus mit Leistenbruch.
Ich Pendel nur noch zwischen Berlin und Löhne hin und her.
Meine Kraft lässt mehr und mehr nach. Vor ein paar Jahren machten mir diese Fahrten nichts aus, nun bin ich nach dem knapp 400 km immer nur noch müde.
Die Sorgen steigen.

Jan 2017: wieder ist meine Mutter schwer erkrankt. Doppelseitige Lungenembolie. Sie hat sehr viel Glück und ich kann sie gerade noch retten, indem ich sie ins Krankenhaus bringe
Anfang April 2017: Meine Mutter hat wieder große Schmerzen. Sie bekommt kaum noch Luft. Sie muss wieder ins Krankenhaus
Der Krebs hat doch gestreut. Lunge, Knochen, Leber, alles ist angegriffen. Sie muss unerträgliche Schmerzen haben und mein Leben rückt total in den Hintergrund. Wie lange sie leiden muss, kann mir der Arzt nicht sagen. 6 Monate …ein Jahr ? Das sie noch ca. 2 1/2 Woche leben wird ist nicht vorhersehbar
13 April meine Mutter wird 90 Jahre alt und liegt im Krankenhaus. Sie will nicht mehr.
21. April: meine Mutter verstirbt.
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6 Monate sind nun vergangen seit dem Todestag.
Die ersten 4-6 Wochen verbrachte ich mit vielen Dingen die halt erledigt werden mussten.
Im privaten Bereich lebe ich als Martina soweit es mir möglich ist. Auf Arbeit ist es für mich sehr schwer geworden nicht mehr ich zu sein, sondern immer als Mann zu erscheinen

Mein Leben pendelt sich im privaten wieder so langsam in das normale Fahrwasser ein.
Ich gehe wieder zu Veranstaltungen
Überall erfahre ich zu 100 % nur positives Feedback…mit so einem Feedback hätte ich nie gerechnet!
Sep 2017: Bin ich nun FREI?
Seit dem Tod meiner Mutter hat sich vieles geöffnet und vieles ist nun NEU geordnet

Die Frage an mich selber geht wieder so tief in mein Inneres, kann ich endlich weitergehen?
Ich komme zu dem Entschluss: JA!

Ich habe nun wieder einen Termin bei meiner alten Ärztin. Sie wusste damals schon, dass mir der Weg im privaten Bereich ( Mutter ) sehr sehr schwer fallen wird.
Im November ist es dann wieder so weit. Mein Termin steht dort an

Wie alles weitergehen wird, das kann ich noch nicht genau sagen, aber der Wunsch es nun zu Ende zu bringen ist in das unendliche gewachsen.
Es wird noch ein langer harter und steiniger Weg, aber dennoch zeigen mir meine Erfahrungen, gerade aus den letzten Jahren, dass ich mir fast keine Sorgen mehr machen muss.
EXTRA NACHTRAG: ich habe bewusst oben nicht über meine Partnerin gesprochen. Wir sind im März 2018 dann 20 Jahren zusammen. Seit 19 Jahren weiß sie es und sie hat mich auch immer mit meinem Zweifeln und natürlich auch mit ihrem auf diesem Weg begleitet. Seit 2015 sind wir „dennoch“ verlobt. Sie steht zu mir, wie es auch weitergehen wird und hat auch immer zu mir gestanden.

Vieles oben m Text ist evtl. nicht verständlich. Es ist so es aus mir gerade herausgesprudelt ist hier eingetragen worden. Es dient auch nur als kleiner Abriss aus meinen Leben
Grundsätzlich bin ich halt auch der Meinung, man kann vieles schreiben, aber nur durch Unterhaltungen von Angesicht zu Angesicht kann man viele Dinge klarer ausdrücken.
Wenn ich mich also nicht klar ausgedrückt habe oder viele etwas „kurz“ wirkt, seht es mir nach.
Gerne werde ich versuchen bei Fragen die passenden Antworte  zugeben.

 

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